Archi Bechlenberg ist der Patriarch vom Herrenzimmer und Autorität in Zigarren. Hauptberuflich aber höchst schlagfertiger Journalist, der bei schnellen Witzen keine Gefangenen macht. Hier heisst es aufpassen…

Archi:
Hughes, was treibt einen Menschen aus Deutschland außer Devisenschmuggel nach Luxemburg? Agoraphobie? Billiger Sprit?

Ach diese Klischees! So, wie man sich das immer vorstellt, ist es wirklich nicht: Die Devisenschmuggelei wird einem höllisch schwer gemacht, da es überall diesen „Euro“ gibt und man wahrlich lange suchen muss, um noch ein paar Devisen in Form von alten D-Mark, Franken oder Lira aufzutreiben.

Seit über einem Jahr versuchte ich, noch an ein paar Gulden ranzukommen und wenigstens die herumzuschleusen. Aber mittlerweile haben die Chinesen auch diesen Markt kaputtgemacht.

Wenn ich ab und zu in Luxemburg bin, fühle ich mich immer wie in der Schweiz – man hat ständig Angst, etwas falsch oder schmutzig zu machen – geht Dir das ähnlich? Und wenn ja, kann man in einer solchen zwangsbelasteten Umgebung wirklich kreativ sein? Oder bist Du zum eigentlichen Schreiben des Textes nach Belgien oder Bitburg gereist?

Da ist schon Wahres dran. Aber Du willst bestimmt auch niemanden bei Dir haben, der mit seinen Teerschuhen Deinen Isfahan-Teppich schändet. Ich weiß, sag‘ nichts: Es sei denn, sie hat sonst nichts an.

Und umso mehr Regeln, wie man sich zu benehmen hat, umso kreativer kann man sein, sie zu durchbrechen. Völlig langweilig, wenn man hört „Du kannst schreiben, was Du willst…“ – Mehr Spaß macht dann der Zusatz: „…, aber wehe Du…!“

Umso mehr Regeln, wie man sich zu benehmen hat, umso kreativer kann man sein, sie zu durchbrechen.

Geschrieben habe ich das Buch fast überall. Nur nicht in Belgien oder Bitburg.

Dein erstes Buch ist gleich in der ersten Woche in Luxemburg auf Platz 13 der Leserhitparade gelandet – das heißt, Du kennst jeden Leser persönlich…

Ja. Da bin ich wirklich stolz drauf! Ich hatte im ersten Wertungszeitraum nur eine Woche im Ladenverkauf – und dann gleich diese Platzierung! Ich habe dann die beiden Käufer sofort zu einem Crémant eingeladen… und jetzt schauen wir ganz gespannt auf die Bekanntgabe der Dezemberzahlen.

Das heißt, sie nehmen am Geschehen weiter Anteil? Wird in der 2. Auflage vielleicht eine Danksagung an sie vorneweg stehen?

Nein, bestimmt nicht. Denn wie sich herausstellte, kamen sie zwar aus Belval, wollten aber gar nicht MEIN Buch. Sie hatten es mit einem Ratgeber zum Herumkriegen von Studentinnen verwechselt, der ein ähnliches Cover hat.

Eigentlich eine clevere Idee, ein Buch in Luxemburg spielen zu lassen – jeder Einwohner des Landes will es lesen, weil er dabei denken kann „Da war ich auch schon!“ Und jeder Nicht-Luxemburger, weil ein Land, in dem es eine Kneipe gibt, die „Wichtelstuff“ heißt oder einen Laden, der sich „Kiechebuttik“ nennt, Exotik verspricht…

HS Wichtel (C) Hughes Schlueter

Naja. Mit den Wichteln dort ist das so eine Sache; die muss man wirklich mögen. Ich bin da nicht so ein Fan. Meistens schmeckt die Mütze schal oder die ganzen Biester sind vom héckenfransousischen Küchenpersonal nicht richtig geputzt. Aber abgesehen davon, sind die Küche und die meisten Restaurants in Luxemburg hervorragend! Leider fast immer überfüllt. Und deswegen auch das Buch: Wer zu Hause liest, ja, der reserviert eben keinen Platz in meinem Lieblingsrestaurant.

Ich hoffe, Du hast im Buch Dein Lieblingsrestaurant nicht auch noch namentlich erwähnt. Es sei denn, Du hast Anteile an dem Laden…

Nein, sowas würde ich nie tun! Das macht man einfach nicht. Und auch die Inhaber des „Tiirmschen“ am Palais, wo es diesen fantastischen Business Lunch für nur 11 Euro, Montags bis Freitags, gibt, hätten das niemals gutgeheißen.

Jetzt erzähl uns bitte etwas über Dein Buch und seine Story …

Hum. Es geht um den Luxemburger Fashion-Fotograf Lou Schleck, der im Auftrag eines französischen Modelabels ein Foto-Shooting auf der alten Hochofenanlage in Belval inszeniert. Aus dem Kontrast zwischen dem Rost und zwölf fantastisch aussehenden Models zieht er die Spannung für seine Bilder. Mittendrin wird eine weibliche Leiche entdeckt. Für manche der Models ein willkommener Anlass, sich zu übergeben und für Lou der Start in eigene Ermittlungen. Auf der Suche nach dem stimmigen Bild helfen und behindern ihn: viele originelle Charaktere aus Luxemburg und natürlich seine abgebrühte Assistentin Florélie, der Lou vollkommen verfallen ist… und die leider nur auf Frauen steht. Aber – wer weiß…

Zwölf Models und ein Fotograf – arbeitest Du eventuell mit versteckter Symbolik? Kommen Labyrinthe vor? Isst man zusammen zu Abend? Ist der verrottete Hochofen vielleicht eine Metapher für den Tempel in Jerusalem? Hat nicht schon Leonardo da Vinci Hochöfen entworfen?

HS Hochöfen 450 (C) Hughes Schlueter

Das werde ich oft gefragt. Es gibt tatsächlich das Hochofen-Labyrinth. Auch ein gemeinsames Dinner spielt eine wichtige Rolle. Aber das ist Zufall und hat gar nichts zu bedeuten. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr.

„Schleck“ scheint ein typisch Luxemburger Name zu sein, man denke an die Radfahrerbrüder – hast Du den Namen aber vielleicht auch gewählt, weil ihm eine gewisse unterschwellige Erotik innewohnt?

Unterschwellige Erotik? Archi, ich möchte Dir versichern, dass ich einfach nur einen normalen, luxemburger Namen mit nur einer Silbe gesucht habe!

 

Interessant finde ich aber, dass es bei Dir ein gewisses Kribbeln auslöst, wenn es um alltägliches Fahrrad-Zubehör geht, wie „Stange“, „Öl“, „Ketten“ oder „Ritzel“.

HS Fahrrad-Inspektion 500 (C) Hughes Schlueter

Oh, sieht man mir das an? Dann darf ich nicht vergessen, diese Passage aus der Abschrift zu löschen. Drum schnell zurück zu dir: Du hast ja eigentlich etwas Anständiges gelernt…

Wie man es nimmt – Wirtschaftswissenschaften studiert. Und Operations Research. Das sind mathematisch basierte Verfahren zur Optimierung von Prozessen. Für die konsequente Vermittlung der Praxisrelevanz dieser Disziplin bin sehr dankbar: noch heute bin ich in der Lage, bei einem Konzert der „Amigos“ den schnellsten Weg nach draußen zu finden.

Da sage noch einer, das sei eine rein theoretische Disziplin! Aber wie gerätst Du überhaupt in so ein Konzert? Kannst Du vielleicht mütterlichen Frauen nichts abschlagen?

„Majo“, wie es in Luxemburg heißt, Du scheinst Dich ja recht genau mit diesem Publikum auszukennen…

(Schlueter senkt seine Stimme zu einem Flüstern, stupst mich – knuff! – mit seinem Ellenbogen sachte in die Seite, macht mir – blinz! – ein Verschwörer-Auge und fragt „Du etwa?“)

Kam der Gedanke, ein Buch zu schreiben, erst in Luxemburg, oder bist Du damit schon länger befasst gewesen?

HS Café FRA 2 - © Hughes SchlueterSchon lang. Ganz lang. Aber das ist das erste Buch, das ich konsequent verfolgt habe. Die Idee zum Krimi bekam ich, als ich einen anderen Luxemburg-Krimi geschenkt bekam. Da ich Belval gut kenne, wollte ich meine Geschichte dort spielen lassen. Die Geschichte selbst entwickelte sich fast von selbst bei mehreren Cappuccini auf der Terrasse des Cafés gegenüber den Hochöfen. Da hatte ich alles im Blick und konnte es – bei einer Zigarre – einmal durchspielen. Dann Exposé schreiben, mit dem Lektor besprechen und danach den Text erstellen.

Wie bist Du vorgegangen? Gibt es einen Leitfaden für Schriftsteller, hast Du Kurse à la „Kreatives Krimikritzeln“ bei der VHS belegt oder hast Du einfach drauf los gelegt?

Ach, das geht heutzutage viel unkomplizierter: Man lädt sich einfach ein App für’s iPhone herunter, erzählt ihm ganz ungefähr, was man da so machen möchte, tippt ein paar Namen und Berufe von Figuren ein und stellt die Schieberegler für „Spannung“, „Satire“ und „Romantik“ auf Pegel ein, damit sie auf dem Display harmonisch aussehen.

Icon@2xMan kann auch Häkchen in Kästchen wie „detaillierte Gerichtsmedizin“ oder „heftiger Sex mit echten Schlampen“ machen, was ich aber unterließ – und am nächsten Morgen schickt’s einem den fertigen Text an eine beliebige Email-Adresse. Keine Ahnung, wie das funktioniert. Nerds, Chinesen, Migranten mit Germanistik-Hintergrund. Wahrscheinlich alles zusammen.

Das klingt plausibel und würde als Erklärung für so ziemlich alles gelten, was derzeit auf der Spiegel Belletristik Bestsellerliste zu finden ist. Dann sollten Deine Bücher ja bald die Regale der Leser ebenso zahlreich zieren wie dereinst die bunten Bände der Reihe Suhrkamp, die bei Intellektuellen so beliebt waren…

Oja, an diese Regenbogen-Rücken erinnere mich noch gut! Die standen immer im Regal aus nordischer Kiefer bei Frauen, die auch eine Weinflasche hatten, aus der buntes Wachs in angetrockneten Fäden herausquoll. Und die dazu Kitschposter an Reißzwecken hatten mit Che Guevara oder dem gerade getroffenen GI, der sich nach hinten krümmt und der scheinheiligen Frage „WHY?“. Wenn meine Bücher so zahlreich verkauft werden, wie es dort die Wollmäuse unterm Bett waren, soll‘s mir Recht sein.

Genau, so kenne ich es auch noch! Und wenn man sich dann am nächsten Morgen nach dem Frühstück davon machte, wollten sie einen nicht gehen lassen … ach gute alte Zeit …

Aber zurück ins Hier und Heute: Jetzt hast Du Dein eigenes Buch in den Händen, bist Schriftsteller, musst fortan saufen und rauchen und jede Nacht um 3 klingeln Buchhändlerinnen und Bibliothekarinnen halbnackt an Deiner Türe und stürmen hoch – ist es das wert?

HS Rotwein (C) Hughes SchlueterNaja, so ist das eben – aber mein Leben hat sich nicht großartig verändert, außer dass sie aus Respekt jetzt wenigstens klingeln. Aber, was will man machen? Sie wollen sich eben künstlerisch austauschen, da darf man nicht so sein. Und oben im Salon können sie auch viel besser aus sich herausgehen und sich kreativ einbringen. Ganz anders als in der taghellen Leseecke bei Hugendubel.

Verstehe, du arrangierst dich eben im Alltag, das ist sehr nobel – dann eine Frage noch zu Fiktion und Realität: Haben die Charaktere im Buch realer Vorbilder?

Mitnichten. Das versichere ich auch in meinem Nachwort. Es taucht niemand auf, für den es ein direktes Vorbild gibt. Ich möchte jedoch nicht ausschließen, dass ich einzelne Elemente aus dem richtigen Leben übernommen habe. Mal ist es eine Glatze, ein Name oder eine schöne Formulierung, die jemand aussprach. Wenn Dir aber jetzt jemand auffällt, der Dich sehr an eine Figur aus Tod in Belval erinnert, dann kannst Du sicher sein, dass er oder sie das Buch gelesen hat, nun versucht, diesem Charakter ähnlich zu sein und schon mehr oder weniger gut geübt hat. Dafür kann ich natürlich unmöglich die Verantwortung übernehmen…

Ja, das siehst du ganz richtig, Hughes, der Dichter wandert zwar auf dünnem Eis, aber er muss auch achtsam gegenüber sich selbst sein, ich denke, das ist ein gutes Schlussw…

 


 

Hier geht’s ins Herrenzimmer – hier zum Interview.

Fotos: Hughes Schlueter (Ralf Albert, privat), Archi Bechlenberg (privat), Hughes Schlueter unten rechts (Freundliche Mitgästin in Paris Bar, Frankfurt/Main), alle anderen Fotos und Illustrationen Hughes Schlueter.