Aveleen Avide führt ein großes Autoren-Blog und schreibt erotische Romane. Also nichts wie eine Kerze angezündet, den Champagnerkühler in Reichweite gestellt und in das nächste Negligé geschlüpft…

Aveleen:
Hughes, Du wurdest in dem Jahr geboren, in dem Doris Day ihr Album „You’ll never walk alone“ auf den Markt brachte. Ich habe ein wenig gegoogelt, finde aber das Jahr nicht. Dir gefällt auch dieser Song sehr gut. Ist es dein absolutes Lieblingslied?

Nicht nur im selben Jahr – sogar am selben Tag! Komisch, dass Du es nicht googlen kannst; aber vielleicht wurde es von der deutschen Zensur wegen der Nähe zum Thema „Stalking“ gesperrt. Der Text ist eben provokativ-brisant, wie man es von Doris Day kennt. Und nein – das Stück mag ich gar nicht so sehr. Zu langweilig. Man schläft schon ein, wenn man nur daran denkt.

Du bist im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen. Dein Vorname Hughes … Wieso Hughes? Gibt es dazu eine Geschichte?

Ja, das liegt daran, dass ich drei Jahre in London gelebt habe. Meinen Vornamen aus dem Pass, Hauke, sprechen die Briten „Hawk“ aus. Da ich kein Biker bin und auch keine Falknerei betreibe, konnte ich mich damit so gar nicht anfreunden. Ich habe dann etwas gesucht, das sie kennen und der Idee entspricht, die mir meine Eltern mitgeben wollten: „Hauke“ ist die friesische Form von „Hugo“ – und das ist auf Englisch eben „Hughes“. Jetzt im frankophonen Luxemburg macht es sich wieder bewährt; es ist sehr nah am französischen „Hugues“. Es hat zwar ein „h“ mehr, das nicht zu den populärsten Buchstaben der Franzosen zählt, aber es funktioniert phonetisch trotzdem.

Wo lebst du jetzt?

In der Nähe von Frankfurt und wenn ich in Luxemburg bin, kurz über der Grenze bei Belval in der Lorraine, Frankreich. Ruhig und eine wirklich sehr schöne Landschaft. Aber das kann sich jeden Moment ändern, denn Luftlinie sind es etwas weniger als 20 Kilometer zum Atomkraftwerk Cattenom.

Du hast in der Grundlagenforschung des Fraunhofer-Instituts gearbeitet. Ist das nicht ein sehr langweiliger Job gewesen?

Oh nein, überhaupt nicht! Ich war den ganzen Tag umgeben von Models und sonstigen Schnitten – was kann man sich als Student mehr wünschen? Wirklich alles andere als langweilig. Gut, es waren computergerechnete Vektormodelle und die pappigen Sandwiches aus der Kantine – aber es gab ja immerhin ein paar nerdige Informatiker, die man prima ärgern konnte, indem man ihren die „Enter“-Taste mit Sekundenkleber festleimte.

Du warst einige Jahre beruflich in London. Gibt es etwas, das dir fehlt, jetzt wo du nicht mehr dort lebst?

London - Scotland Yard sw 500 (C) Hughes Schlueter

Ja. Einiges. Ich könnte jetzt episch erzählen von den Traditions-Clubs in der Pall Mall, den Theatern im West End, Fish‘n‘Chips mit Essig und den wilden Pferden im New Forest. Aber eigentlich ist es der Anblick von Frauen mit Spaghetti-Trägern und langen, nassen Haaren an Bushaltestellen im Winter.

Du hast mit einem Essay zur Zukunft der Computerentwicklung von IBM einen Award erhalten. Man sollte vielleicht dazusagen, dass er mit einem Einkaufsgutschein von 20.000 DM dotiert war. Für das dazugehörige Stipendium hattest du keine Zeit, aber den Gutschein konntest du gut einlösen. Hast du damals den Preis selbst entgegengenommen? War es mit einer Gala verknüpft? Und in welcher Stadt hat die Preisvergabe stattgefunden?

Ja, die gute alte DM. Damals hat man noch einiges dafür eintauschen können. Das ist schon sehr lange her; aber der Preis hat mich schon gefreut. Lustig, dass Du das mit der Feier fragst. Das war nämlich in München. Minga hoit!. Schee war‘s. Pfundig, nachgrad. Frayli, a Gala hots a gehm. Im Planetarium vun die Deitsche Musuem. Des is do, wo oi die kloane Stern umeinandfliaga.

(Anmerkung Aveleen, falls es jemand nicht verstehen sollte: München halt! Schön war’s. Einfach pfundig. Natürlich hat es auch eine Gala gegeben. Im Planetarium im Deutschen Museum. Das ist dort, wo die kleinen Sterne umherfliegen.)

Welche Hobbys hast du?

Hum. Bei diesem Wort habe ich ein unerklärliches Reaktanzverhalten. Es klingt so nach Laubsägen und dem Verstauen von seltenem Huflattich in einer Botanisiertrommel und anschließendem jahrelangem Katalogisieren. Oder nach dem Sammeln von alten Bugattis, die einst von den Cousins längst vergessener Monarchen gefahren wurden und ihrem Verstauben in einer gut gesicherten Halle fernab der Zivilisation, bis die Erben sich um sie balgen. Es schwingt immer etwas mit von verschrobener, selbstverordneter Langeweile, Zank und finanziellem Ruin. Das schaffe ich auch ohne Hobbys.

Was liest du zurzeit? Und wenn du liest, welche Genres liest du am liebsten?

Belval - Clever & Smart 500 (C) Hughes SchlueterIch lese viel online: Newsportale, Fachblogs und zusammenfassende Newsletters. Wenn Du Bücher meinst, habe ich meistens mehrere „offen“, in denen ich je nach Stimmung weiterlese. Zur Zeit sind das „Ein Buch namens Zimbo“ von Max Goldt“; „L‘integrale Gil Jourdan 4“, ein Bande Dessiné von Maurice Tillieux; „Sphären“ von Peter Sloterdijk, „Until I find you“ von John Irving, „La Tectonique des sentiments“ von Eric-Emmanuel Schmitt und der „Zauberberg“. Genre kann ich gar nicht so angeben, eigentlich lese ich alles. Ich mache nur einen Bogen um Fantasy. Sobald die erste Elfe erscheint, ein Flammenschwert blitzt oder ein Bösewicht mit der Endung „-or“ oder „-ok“ auftaucht, ist die Sache für mich vorbei.

Wie viele Manuskripte musstest du versenden, bis dein erstes Buch bei einem Verlag angenommen wurde? Wie war der Vorgang? Und wie kam es dann letztendlich zur Veröffentlichung?

Ich hatte in den Achtziger Jahren fünf Krimi-Kurzgeschichten mit einem Detektiv aus Frankfurt an meinen damaligen Lieblingsverlag geschickt. Damals noch ausgedruckt per Post. Handschriftliche Antwort auf meinem Anschreiben: „Das ist gut! Aber nicht für uns – keine Geschichten. Schicken Sie‘s denen von Heyne, Rowohlt, usw.“ Das habe ich dann halbherzig gemacht, aber nur Standardabsagen eingefangen.

Belval - All we need 600 (C) Hughes Schlueter Kopie

Bei „Tod in Belval“ habe ich ein sehr detailliertes Exposé geschrieben; im gleichen Stil wie der Text, an den ich dachte, aber mit mehr dramaturgischen Anmerkungen. Nicht, wie empfohlen, maximal zwei Seiten; ich hatte etwa vierzehn. Dann mit den beiden Verlagen telefoniert, die infrage kamen und deren Programm ich gut kannte und habe ihnen das Exposé zugemailt. Die Reaktionen kamen innerhalb vier Stunden und einer Woche mit der Bitte, Leseprobe oder fertiges Manuskript zu senden, was ich dann natürlich gerne gemacht habe. Ich hatte während des Schreibens mit dem Lektor meines Verlages, mit dem ich dann den Vertrag abschloss, einen interessierten und kompetenten Ansprechpartner, der sich sehr für mein Manuskript eingesetzt hatte, dass es noch 2010 erscheinen konnte, obwohl die Jahresplanung schon stand. Dass der Verlag so positiv reagiert hat, lag aus meiner Sicht an drei Gründen: Story, Stil und Figuren haben meinem Lektor gefallen; der Spielort „Belval“ war neu und die Geschichte hatte hinreichend viele „Luxemburg“-Elemente

Was ist Schreiben für dich?

Beruflich – jetzt meine ich bei Unternehmenskommunikation und Marketing – ist es sicherlich eine Ausdrucksform, Inhalte verständlich und motivierend zu vermitteln. Und ich freue mich immer, wenn mir das gelungen ist, denn bei dieser Art von Texten bekommt man in der Regel schnell eine direkte Rückmeldung.

Das Schreiben von belletristischen Texten ist die Freude am Formulieren herum um das Erschaffen eigener Welten. Beim Krimi kommt noch hinzu, dass man sich Aufgaben und Lösungen überlegt, und versucht, verschiedene Typen von Leserinnen und Lesern mit unterschiedlicher Leseerfahrung, Intuition und Denkweise aufrichtig und offen zum Falschdenken zu verführen.

Wolltest du schon immer schreiben?

Ja, ganz sicher! Aufsätze und Arbeiten in der Schule, bei denen man schreiben und nicht reproduzieren musste, waren mir schon immer am liebsten. Ich habe dann meistens von der ersten bis zur letzten Minuten geschrieben und erst während des Schreibens überlegt und die Richtung gefunden. Das waren oft sehr lange Texte und vielleicht nur gut benotet, weil die Lehrer mittendrin einfach aufhörten zu lesen und dachten „jaja, ist ja schon gut“ und schnell Nettes und etwas Kritisches aus dem Bewertungs-Baukasten darunterhauten. Die meisten gaben ja damals Deutsch und Sozialkunde und hatten ihre rechte Freude am schwerfälligen, inhaltliche Leere geschickt kaschierenden Nominalstil. Da hatte ich früh praktiziert, was ein britischer Bekannter später treffend empfahl, wenn er von seinen Berichten an das Managing Board erzählte: „If you can‘t beat them, paper them.“

Inzwischen habe ich gelernt, disziplinierter und überlegter zu arbeiten. Und bei interessierten Lesern kommt man mit so einem Stil zum großen Glück nicht durch; es wäre ja auch schlimm. Als Beruf habe ich mir dann etwas ausgesucht, wo ich viel schreiben kann, Texte und Präsentationen aller Art, aber nicht vom wirtschaftlichen Erfolg eventueller Bücher leben muss. Umgekehrt wäre es mir aber auch recht. Ich arbeite daran.

Catwalk Cartoon Film

In deinem Krimi „Tod in Belval“ geht es um Belval. Was ist das, für alle, die es nicht kennen sollten?

Belval ist das ehemalige Zentrum der Luxemburger Stahlindustrie. Noch bis zum Ende des letzten Jahrtausends – ich sage das so, weil es pathetischer klingt – standen dort funktionierende Hochöfen. Ein nicht zu durchschauendes System aus Stahl von Rohren, Leitern, Plattformen, Brücken, Aufzügen, Hochbahnen und natürlich den Öfen selbst. Die wurden nacheinander abgeschaltet und rosten nun um die Wette. Gleichzeitig wurden eine Konzerthalle, Einkaufszentren, Apartmenthäuser und das Finanzzentrum einer Investmentbank in knallroter spektakulärer Architektur dort errichtet. Es sieht aus wie auf einem Filmset, auf dem gerade umgebaut wird: Blade Runner gerade abgedreht, jetzt schon die ersten Kulissen für Metropolis 2020 aufgebaut.

Wie kamst du auf die Idee zu „Tod in Belval“?

Ich kenne Luxemburg ja schon seit einigen Jahren. Von Freunden bekam ich, weil mir das Land so gut gefällt, einen Luxemburg-Krimi geschenkt, der

Belval - Winderhitzer 700 (C) Hughes Schlueterviele Orte bespielte, an denen ich schon war. Da ich Belval am besten kenne, habe ich mir bei einem Blick auf die Hochöfen überlegt, wie es wohl wäre, wenn man da mal jemanden herunterschubsen würde. Nachts natürlich, damit man keinen Ärger mit dem Fonds Belval, den Planungsverantwortlichen, bekommt. Und man will ja auch nicht unbedingt erkannt werden.

Ich bin sicher, dass du für „Tod in Belval“ recherchieren musstest. Ist dir bei den Recherchen etwas Überraschendes, Außergewöhnliches, Witziges passiert?

Belval - Reeves Gebrels (C) Hughes Schlueter

Lass mich nachdenken. Ich habe ja direkt in Belval gearbeitet und natürlich auch Freizeit dort verbracht. Die Recherche war einfach nur, alle Sinne auf Empfang zu halten und die Eindrücke abzulegen. Aber hier ist was Außergewöhnliches: In Belval ist die „Rockhal“, eine Konzerthalle mit ziemlich gutem Programm. Im Oktober gab es dort für Nachwuchsmusiker eine „Guitar Masterclass“ mit Reeves Gabrels, der bei Tin Machine und David Bowie spielte und nach der Etude ein Konzert gegeben hat. Aus mir unbekannten Gründen kamen nur etwa zehn Leute zum Konzert, von denen sechs gleich wieder gingen. Gabrels hat mit süffisanten Kommentaren seine Show professionell abgeliefert und wir hatten einen der besten Gitarristen der Welt, der uns privat etwas vorspielte. Das war schon einzigartig.

Wie gingst du an den Plot für „Tod in Belval“ heran? Und könntest du uns ein Beispiel für deine ersten Überlegungen zur Handlung von „Tod in Belval“ geben?

Gern. Ich wusste, dass die Handlung in Belval spielen sollte. Das Markante an Belval sind natürlich die alten Hochöfen, die klar im Zentrum stehen mussten. Ich habe mich in ein Café gegenüber gesetzt, mir die Szenerie angesehen und Möglichkeiten überlegt, hier etwas stattfinden zu lassen. Ein Fotoshooting mit lebenden, gut aussehenden Models war für mich dann der größte denkbare Kontrast zum rostenden, sterbenden Stahl. Dann brauchte ich Jemanden, der es inszenierte, das war dann der Fotograf selbst, Lou Schleck, der ein Auge für Licht und Details haben musste. Warum? Weil ein entdeckter Mord anders ablief, als es den Anschein hatte. Warum? Weil, das Opfer…

Eigentlich habe ich mir selbst nur Fragen gestellt und beantwortet – und die mit „Warum? Weshalb? Wieso?“ waren die fiesesten. Aber vieles geschah auch intuitiv und ich wusste am Ende gar nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin. Es war einfach da und erschien „richtig“. Müsste ich jetzt den Entstehungsprozess von „TiB“ analysieren, würde ich sagen: Die Story in einem Satz schreiben – durch die Fragen auseinandernehmen, plausibel wieder zusammensetzen und mit Schleifen und Verführungen anreichern, aber nicht komplizieren. Dann aus der Handlung heraus die Charaktere aufbauen, von denen die Starken ein Eigenleben entwickeln und ihrerseits wieder die Handlung beeinflussen. Sich von denen aber nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Nur ein bisschen. Dann hier und da ein paar Ideen und Situationen anpassen, bis man mit dem Ergebnis zufrieden ist. So ungefähr. Irgendwie halt. Man kann aber auch alles ganz anders machen. Oder auch nicht. Egal. Fast.

Fallen dir Dialoge, Charaktere oder szenische Darstellungen leichter, fällt dir alles gleich leicht oder anders gefragt, magst du alles gleich gerne?

Belval - Tube 2 500 (C) Hughes Schlueter 2Ich glaube, ich mag die Kombination von Charakteren und Dialogen am liebsten. Es ist für mich eine sehr natürliche Form des (Auf-) Schreibens. Meistens sehe ich die Szenen als Film vor mir und ich protokolliere einfach minutiös, was die Charaktere da so miteinander reden. Bei szenischen Beschreibungen muss ich immer aufpassen, dass ich nicht zuviel herumreflektiere oder eine eigene Meinung, wenn sie nicht gefragt ist, hineinbringe. Ein guter Lektor watscht einen da aber ab.
Es ist übrigens für Dialoge ungeheuer hilfreich, sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewegen. Nicht, dass es Spaß machen würde, aber man kann, wenn man möchte, wunderbar zuhören, was und wie andere miteinander sprechen. Oder wie am Mobiltelefon dummes, unwürdiges Zeug geredet wird, das die Sprecher rundweg abstreiten würden, läge man ihnen eine Transkription ihrer Sprechtexte vor.

Direkt verwertbar für einen Roman sind solche Fundstücke leider nicht – man würde als Wirrkopf oder Phantast verschrien werden und jeder Lektor das Manuskript dem Schredder überantworten – aber als wertvolle Anregung ist es kaum zu überschätzen.

Wie hast du es geschafft, dass keine losen Fäden im Buch übrig bleiben?

Das Buch mit dem Rücken nach oben gehalten; Cover mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand und Backcover mit Daumen und Zeigefinger der Rechten fest gepetzt. Nun: ganzes Buch als Glocke begreifen und Seiten als Klöppel. Dann respektlos schuckeln und kräftig durchpusten.


Belval - Marjorie 800 (C) Hughes SchlueterWie gingst du an den Protagonisten Lou Schleck heran? Würdest du uns dafür einfach mal ein Beispiel für die ersten Überlegungen zur Figur geben?

Ein Krimi lebt natürlich sehr stark von der Hauptfigur. Ich wollte weg von den übergewichtigen, jazzhörenden Kommissaren mit Eheproblemen und den wortkargen Einzelgängern, die ständig von Dealern oder Zuhältern zusammengeschlagen werden. Dann hätte ich übrigens auch ein Casting-Problem bekommen, denn diese Berufsstände haben sich in Belval noch nicht etabliert.

Die Hauptfigur musste ja Fotograf sein und vom perfekten Bild besessen. Dem jagt er immer hinterher und wenn es irgendwo ein Detail gibt, das nicht passt, geht er der Sache auf den Grund. Das ist der Hintergrund und die Antriebsfeder von Lou Schleck. Außerdem möchte er seiner Assistentin Florélie imponieren. Und nein, er ist nicht mit den Radfahrbrüdern verwandt.

Zudem bin ich lange im Marketing und habe viele Shootings überwacht, so dass ich darüber schreiben kann und nicht riskiere, „Leica“ in diesem Zusammenhang für eine Hundedame zu halten.

Gingst du zuerst monatelang mit der Geschichte schwanger und fingst dann zu schreiben an oder hast du alle Recherchearbeiten abgeschlossen, das Exposee ist fertig und du beginnst zu schreiben? Wie muss man sich das vorstellen?
2 Cappuccino (C) Hughes SchlueterDen roten Faden der Geschichte selbst habe ich sehr zügig festgelegt. Das war im Unterstundenbereich – weiss ich noch genau aufgrund der Anzahl der Cappuccino-Tassen. Das Entwickeln der Details später und der Szenen dauerte natürlich viel länger. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, erst über ein detailliertes Exposé einen strukturierten Rahmen zu erstellen, den ich dann befülle. Natürlich wird er dann mit dem Text an vielen Stellen durchbrochen, aber das kann man kontrollieren.

Vielleicht ist diese Arbeitsweise auch ein Resultat meiner beruflichen Nicht-Erzähltext-Erfahrung; der Weg, wie zum Beispiel Präsentationen oder „Gebrauchstexte“ wie Pressemitteilungen und Dokumentationen erstellt werden. Eher „von außen nach innen“. Nicht drauflosschreiben und schauen, wo man ankommt. Man darf eben nicht vergessen, dass ein Kriminalroman eine andere Erwartung an Konstruktion und Logik erfüllen muss, als Tagebücher, der Selbsterfahrungsbericht einer Heimleiterin in einem diktatorischen Regime oder ein erotischer Roman. Aber, wem sag ich‘s?

Anmerkung Aveleen: Meinstu du jetzt die Heimleiterin oder spielst du auf einen erotischen Roman an 😉

Wie muss man sich einen Tag in deinem Leben vorstellen, wenn du an einem Buch arbeitest?

Ein völlig normaler Tag, wie er überall abläuft. Wenn ich die Zeit habe, schreibe ich da weiter, wo ich aufgehört habe. Ich höre manchmal mitten im Satz auf, weil ich abbrechen muss, aber auch weil ich gemerkt habe, dass dann der Wiedereinstieg in den Text sehr schnell geht. Am liebsten ist es mir aber, wenn ich weiss, dass ich dann und dann Zeit habe, konzentriert weiterzuarbeiten. Das Wichtigste ist: Freude empfinden und dranbleiben.

Hörst du auch Musik beim Schreiben und wenn ja, welche, oder brauchst du absolute Stille?

Nein – Stille nie. Am liebsten schreibe ich sowieso im Café. Dort gibt es die beste Filmmusik, denn den Score schreibt das Leben mit seinem Zufallsgenerator. Aber es kann auch im Zug oder im Hotel sein. Fast egal.

Wenn ich am Schreibtisch oder in einem WiFi sitze, höre ich meistens last.fm und wechsle die Künstler. Man kann dort sensationelle Entdeckungen machen. Auf „The Pineapple Thief“, „Porcupine Tree“ oder den fantastischen „Dead Heroes Club“ wäre ich nie von alleine gekommen. Generell mag ich viel Klassik, am liebsten englische Alte Musik wie Purcell und Dowland; dann Bach, Händel und wieder Debussy, Rachmaninow und Satie. Aber auch Genesis, Yes, ELP, Lou Reed, Sting, PJ Harvey, Tori Amos und Philip Glass, Michael Nyman, Ludovico Einaudi und immer Roger Waters und Peter Gabriel.

Wirst du von einer Agentur vertreten? Und falls ja, was ist für dich der Vorteil, von einer Agentur vertreten zu werden?

Agentinnen (C) Hughes SchlueterNein, ich habe keine Agentur. Das ist in Luxemburg noch nicht notwendig, da es nur wenige „Spieler“ in der Branche gibt und die kennt man schnell alle selbst. In Deutschland ist das anders. Und es klingt ja auch ziemlich gut, wenn man ebenso elegant wie lässig den Satz fallen lässt: „Keine Ahnung. Da müssen Sie meine Agentin fragen…“ – Dann denkt man sofort an eine vorteilhafte Erscheinung wie Emma Peel, nach deren Pfeife die Verantwortlichen bei Random House nur zu gerne tanzen, die unvorstellbar hohe Vorschüsse aushandelt und einem auch noch nackt die Hemden bügelt. Es spricht in der Tat sehr viel für Agentinnen.

An welchem Buch arbeitest du derzeit und darfst du schon ein wenig darüber verraten?

Ich schreibe gerade das Exposé für den zweiten Band mit Lou Schleck und dem Team aus „Tod in Belval“. Die Handlung fängt sieben Tage später an, greift einige Elemente auf und führt sie weiter. Anfang Dezember habe ich das Exposé für eine romantische Komödie mit ganz anderen Figuren beendet. Diese Geschichte spielt auch in Luxemburg, aber in der Hauptstadt. Es geht um einen beziehungsgestörten, pedantischen Fondsmanager und eine impulsive russische Klaviersolistin aus Sankt Petersburg, die in der Philharmonie zu Gast ist. Je nach Stimmung werde ich an einer von beiden Geschichten weiterarbeiten. Ich kann es kaum abwarten.

Welchen Tipp hättest du für angehende Autoren, die ein Buch veröffentlichen möchten?

Schwierig, da etwas zu finden, denn es sind bestimmt schon alle Tipps irgendwo einmal gegeben worden. Und auch für ein „Glauben Sie an Ihr Manuskript!“ oder etwas ähnlich Grundsätzlich-Banales aber sehr Wahres, fühle ich mich erst berufen, wenn die Regalbreite meiner veröffentlichten Titel die Armspannweite eines durchschnittlichen Mitteleuropäers erkennbar überschreitet.
Bitter & Zart (C) Hughes SchlueterDEN Tipp für alle gibt es natürlich nicht. Aber meine bescheidene Erfahrung ist: auf das Exposé genauso viel Zeit, Gedanken und eigene Kritik anwenden, wie auf das Manuskript, denn es ist die erste Textprobe. Formale Sorgfalt. Anhand des Exposés den Verlagen das Projekt charmant, aber sachlich vorstellen.

Vielleicht noch etwas; ich habe festgestellt: das volkswirtschaftliche „Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen“ gilt auch beim Schreiben. Mut zum Beenden haben! Also, wenn das Manuskript fertig ist, nicht an den Texten endlos herumfummeln. Dafür gibt es schließlich Lektorinnen.

Hughes, vielen Dank für das Interview und auch dafür, dass du dir so viel Zeit genommen hast.


Hier geht’s zu Aveleen – hier zum Interview.

Fotos: Aveleen Avide (Richard Föhr),  Hughes Schlueter (privat), alle anderen Fotos Hughes Schlueter.