Archi Bechlenberg vom Herrenzimmer traf Hughes Schlueter auf 0,75 l Crémant an einem idyllischen Luxemburger Ort zwischen zwei Tankstellen, die pausenlos von Trierer und Bitburger Autos belagert wurden. Diesel 1,27 €.

Hughes Schlueter, vorab eine persönliche Frage: Wie spricht man Deinen Vornamen eigentlich richtig aus? “Heinz-Egbert”, wie in Deinem Pass? “Ügg”, wie der Franzose sagt oder “Hughes”, so wie der britische Schauspieler, der in Hollywood im Auto mit einer …

Wie Archi? (Schlueter sieht überrascht und nachdenklich aus) Du hast meinen Pass gesehen?? Wo? Und vor allem: welchen?

Aber zu Deiner Frage: Die Luxemburger sagen “Ühg”, ja, was auch ganz nett, aber ein bisschen nach Schluckauf klingt. Naja, wie auch immer, “You”, wie in “Hugh Grant” ginge zur Not auch. Es erinnert auch stark an den Laut, den dieser im Auto von sich gab, als Divine Brown sich bei ihm satt einklinkte. Besonders, wenn man es lang ausspricht. “Hughes”, wie in “Howard Hughes”, also so, dass es sich auf “News” reimt, ist aber richtig.

Also, Hughes, Dein zweites Buch “Rost” liegt vor. Als Du vor zwei Jahren mit Deinem Debutroman “Tod in Belval” die Welt der Literatur betratest, da wolltest Du Dich eigentlich sofort anschließend zur Ruhe setzen und die aufregende Welt zwischen Cocktailempfängen und langen, nächtlichen Gesprächen mit Literaturgroupies genießen – was ist schief gelaufen?

Luxemburg - Engel (C) Hughes SchlueterAch, immer diese Perignon-Sausen! Die können auf die Dauer schon ziemlich anstrengend sein und der nichtendenwollende Austausch mit gierigen, also wissensbegierigen, Literatur-Enthusiastinnen… naja… man fühlt sich danach immer so leer… und benutzt. Dann kam von den Lesern auch die ständige Forderung nach einem zweiten Buch – für einen anderen Tisch, der wackelte, oder für noch mehr Blütenblätter, die gepresst werden wollten. Ein paar wollten auch was in gedeckten Farben für neben den Kamin. Die Leserwünsche darf man als verantwortungsvoller Autor nicht ignorieren.

Den Begriff “Rost” verbindet man nicht unbedingt mit Luxemburg, eher das Wort “Rast”, wenn man auf dem Weg aus Norden Richtung Côte d’Azur in Mersch oder Dudelange nochmal volltankt. Wolltest Du durch diesen extremen Kontrast zwischen dem stets hochpolierten Großherzogtum und der eher negativ behafteten Verfallserscheinung, die sich hinter dem Wort “Rost” verbirgt, eine besondere Spannung erzeugen, die den Interessenten dann letztendlich zum Kauf des Buches treibt?

Nein, das war eigentlich alles ganz anders und hat überhaupt nichts mit Metall und so zu tun. Um ehrlich zu sein: ich hatte schon ein wenig auf den Markt geschielt. Und Bücher zu kulinarischen Themen und zu Wein verkaufen sich – gerade in Luxemburg – besonders gut. Das Buch sollte also eigentlich „Prost!” heißen… und dann hat einer in der Druckerei das “P” verschnutzt. Naja, ich wollte dann eben nicht so deutsch-besserwisserisch sein und habe nicht weiter drauf bestanden.

Das Buch sollte eigentlich „Prost!” heißen… und dann hat einer in der Druckerei das “P” verschnutzt. 

Die Geschichte von “Rost” beginnt nur eine Woche nach Ende des ersten Bandes – denkst Du, der Leser erinnert sich noch an “Tod in Belval”? Ist die Lektüre des Erstlings für das Verständnis von Rost vonnöten? Immerhin nutzt Du auf den ersten 30 Seiten von “Rost” ja jede sich bietende Gelegenheit, die Lektüre von “Tod in Belval” wärmstens zu empfehlen? Und weißt Du ein Antiquariat, wo man “Tod in …”

Ja, die Leser kennen “Tod in Belval” sehr gut; ich frage sie ja auch regelmäßig auf Lesungen ab. Und: nein, “Rost” kann auch ohne Kenntnis des ersten Teils gelesen, verstanden und genossen werden. Eine völlig eigene Handlung. Genau das erzähle ich ja auf den ersten 30 Seiten, bis auch die gutmütigsten Leser mir misstrauen und schon aus Vorsicht “TiB” kaufen. Und wenn Du noch ein Exemplar” möchtest: bei “Sotheby’s” soll demnächst eines zum Aufruf kommen.

Großartig! Aber ich habe ein Exemplar, sogar noch original eingeschweißt. Nun denn: Erneut ist der Held der Ereignisse der Fotograf Lou Schleck. Leider ist der Name Schleck seit der letzten Tour de France mit einem Diuretikum kontaminiert – war es klug, Deinen Helden ausgerechnet mit diesem, aus einer stets in Bewegung befindlichen Welt, zu “dopen”?

Was macht so ein “Diurethikum”? Nie gehört. “Di”, wie “Zwei”, dann “Uretha”? Hat es was mit “Wildem Bieseln” zu tun, wie auf dem Oktoberfest etwa? Habe ich mir bestimmt nicht überlegt. Ich mag kein Bier.

Luxemburg - Schaufenster (C) Hughes Schlueter

Es dauert nicht lange, und es springen in “Rost” zahlreiche leicht bekleidete Models durch die Gegend – machte sich damit ein Autor beim Schreiben selber eine Freude, oder dachtest Du auch daran, dass ein erfolgreiches Buch nun einmal nicht auf “Stellen” verzichten kann?

Naja, Lou Schleck hat den Job von der französischen Vogue bekommen, ein Shooting für La Perla zu gestalten. Da wäre es nicht auftragskonform gewesen, Klempner im Blaumann oder derbe Brunnenputzer in Brunnenputzertracht auftreten zu lassen. Schau nicht so, Archi. Ok. Ich gebe es ja schon zu. Mir war einfach nach prickelnder Kurzweil… und da habe ich halt ein paar Strapsmäuse herumspringen lassen.

…was ich ja keineswegs kritisieren will. Und da dürfte sogar noch Potenzial für den nächsten – nun ja …, also, du verzichtest in “Rost” weitgehend auf Mordopfer – trägst Du damit der Tatsache Rechnung, dass Luxemburg ein kleines Land ist und man dort jeden Einwohner braucht?

Völlig richtig. Ein einfacher Doppelmord lässt ja schon die Bevölkerungszahl spürbar nach unten schnellen. Ich muss also aufpassen, sonst sperrt mir Jean-Claude Juncker meine Kreditkarten schneller, als man “Euro-Gruppe” sagen kann.

Da begibt sich ein Autor also durchaus auf dünnes Eis. Um so erfreulicher, dass du dich an ROST gewagt hast. Nun, wie in “Tod in Belval” taucht der Leser erneut ein in die Welt der Schönen, Reichen, Perversen und Mächtigen, man begegnet neben dem luxemburgischen Erzbischof und dem Ministerpräsidenten sogar Ranga Yogeshwar und Jean Pütz. Hat der durchschnittliche, womöglich auch noch deutsche Leser überhaupt einen inneren Zugang zu dieser für ihn so fremden, exotischen Welt?

Hm. Nach Deiner Zuordnung wäre der Erzbischof schön, der Ministerpräsident reich, Rangar pervers und Jean Pütz mächtig. In Wirklichkeit ist es natürlich ganz anders. Verteilt. In meinem Nachwort kläre ich daher alles auf, wie das mit den Personen ist, die eine Cameo-Apprearance haben: alles ausgedacht! Nur Léa Linster hat wirklich ein Menu für „Rost“ komponiert, das zu einer Beerdigung der High Society passt. Und alle, außer dem Bischof sind ja auch im deutschen Fernsehen.

Luxemburg - Bar am Puff (C) Hughes Schlueter

Jean Pütz und seine Gattin sind bekanntlich gut mit dem etwas zwielichtigen Bordellbesitzer Bert Wollersheim befreundet, findet der Leser von “Rost” etwas von dieser Konstellation wieder? Oder bietet Dein Buch eher einen – bis auf die Dessousmodels – jugendfreien Plot? Sähest Du Dein Buch auch gerne in Pfarrbüchereien?

Das mit Jean Pütz weiß ich nicht; ich habe ihn dort nie gesehen. Und der Plot ist jugendfrei. Doch, doch. Und die sind ja auch einiges gewöhnt mit ihren Facebook-Gangbang-Parties und was weiß ich nicht alles. Ich wusste auch gar nicht, dass es so etwas gibt, wie Pfarrbüchereien. Aber klar: der heruntergefallene Harry-Potter-Band ist die Seife des Pastors.

Der heruntergefallene Harry-Potter-Band ist die Seife des Pastors. 

Trägt Lou Schleck eigentlich gewisse autobiografische Züge? Nicht mit realem Hintergrund natürlich, sondern eher so, dass Hughes Schlueter auch gerne im wirklichen Leben beruflich etwas Glamouröses ausüben würde und dabei stets von schönen Frauen umgeben wäre, die er herum kommandieren kann?
HS - Stand Lux FRA12 (C) Hughes SchlueterAber das tue und bin ich doch! Hast Du eine Ahnung, wie es momentan in den Lektoraten fegermäßig abgeht. Nix mehr “der Verleger als väterlicher Freund” à la Siegfried Unseld oder Daniel Keel. Die Lit-Babes sind jetzt am Drücker. Überall! Und, bei Gott, sie wissen, wie man mit Autoren umgeht.

Grundgütiger! Das ahnte ich ja gar nicht! Ich sollte ein Buch schreiben. Dringend. Aber vorher noch einmal zu Dir: Auch “Rost” ist, wie “Tod in Belval”, ein Krimi – warum hast Du dieses Sujet gewählt? Würde es Dich nicht reizen, einmal etwas weniger Blutrünstiges zu schreiben? Vielleicht die Geschichte einer bildschönen jungen Erbin aus uraltem luxemburger Adel, deren Verlobter am Tag vor der Trauung von einem herabstürzenden Dachdecker erschlagen wird und die daraufhin ihr Leben ganz der Pflege alleinerzogener, mittelloser Kinder widmet, vielleicht sogar im Kongo?

Eine gute Idee. Aber genau dieses Sujet haben Herta Müller und Tomas Tranströmer schon, wenn ich salopp formulieren darf, zu Tode geritten. Ich meine, so etwas auch schon einmal bei Mo Yan gelesen zu haben. Gerade das mit dem herabstürzenden Dachdecker, der kurz nach einer Trauung auf jemanden drauffällt, ist ein relativ populärer Topos in der Literatur. Ich versuche, ihn zu vermeiden, denn ich möchte nicht langweilen.

Gerade das mit dem herabstürzenden Dachdecker, der kurz nach einer Trauung auf jemanden drauffällt, ist ein relativ populärer Topos in der Literatur. 

Richtig. Herta Müller als Chronistin des Alltagslebens und Verdichterin der Poesie und Sachlichkeit, und natürlich vor allem Tranströmer als der Dichter, der das Poetische aus dem scheinbar Alltäglichen ableitet; bekam der nicht sogar mal einen Preis von der Schwedischen Dachdeckerinnung? Egal. Lou Schleck, soviel sei verraten, wird auch dieses Buch überleben – arbeitest Du schon an einem dritten Abenteuer? Und werden die leichtbekleideten Models vielleicht dann sogar un …

Ja, Lou 3 ist zu Ende geplottet und kommt jetzt zur ersten Niederschrift. Codename und wahrscheinlicher Titel ist “ALVB”. Akronym natürlich. Wer’s errät und mir mailt, wird im Nachwort erwähnt. Was hast Du übrigens für eine Fixierung auf diese Models?

Äh…Warte, bis das Mikro aus ist, dann mehr dazu. Erst noch schnell den Abspann:

Hughes Schlueter, wie stets war es ein Vergnügen, Dich zu treffen! Darf ich zum Schluss eine Bitte äußern? Wann immer ich nach Luxemburg fahre, komme ich an einer Gaststätte vorbei, die Wichtelstuff heißt, sie ist nicht weit von einem Geschäft namens Kiechebuttick. Könntest Du nicht in Deinem nächsten Buch die Wichtelstuff erwähnen? Es darf auch gerne in einem Nebensatz oder einer Fußnote sein…

Oh, ich habe zu danken, lieber Archi, stets Anregung und Freude, Deine Fragen jenseits des Mainstream. Was die Schleichwerbung für diese Läden angeht… gerne! Gibt’s dann auf Lebenszeit jeden Tag was Heißes aus der Küche? – Soll ich auch noch Bert Wollersheim erwähnen?


Hier geht’s ins Herrenzimmer – hier zum Interview.

Fotos: Hughes Schlueter (Alan Nikolov), Archi Bechlenberg (privat), Hughes Schlueter unten links (Dan Majerus), alle anderen Fotos: Hughes Schlueter.